Das Lab besteht aus einem Großraumbüro im 1. Stock, d.h. wir befinden uns im Erdgeschoss oder eher im Keller durch die Hanglage, und nur schmale Oberlichter lassen ein wenig Tageslicht herein. An das Großraumbüro schließen sich linker Hand ein Besprechungsraum und rechter Hand eine kleine Küche, ein Bibliotheksraum und ein Raum mit zwei Schreibtischen an. In letzterem werde ich sitzen, wenn die deutschen Diplomanden aus Aachen und Braunschweig die Tische geräumt haben. Prof. D. meint scherzhaft, um das Lab am Laufen zu halten, müsste immer mindestens ein deutscher Student da sein. Neben mir ist es momentan noch ein Diplomand aus Berlin.
Momentan bezahle ich den Bus noch bar – 2 Dollar pro Fahrt, was für deutsche Verhältnisse erstaunlich wenig ist. Die Linie 52 fährt in 25 Min von meiner Haustür zur Kreuzung Hearst/Euclid. Die Busfahrpläne sind noch immer schwer durchschaubar, aber morgens zwischen 7 und 10 a.m. und nachmittags zwischen 4 und 6 p.m. fahren die Busse etwa viertelstündlich, was die Warterei minimiert. Nur leider ist die Busfahrt immer so rumpelig, dass ich mit meinem „Interview with the vampire“ nicht sehr vorankomme geschweige denn am Laptop arbeiten kann.
Andor ist wieder zur Spielgruppe am Point Richmond, wo heute deutlich mehr los ist als letzte Woche. Kendra ist froh, dass Andor, Kira und Kim die Teilnehmerzahl verstärken.
Am Dienstag wird es mit 2 bis 10 °C ziemlich frostig hier. Die Bay Bewohner sind so kaltes Wetter nicht gewohnt, laufen aber trotzdem oft mit kurzen Hosen und Sandalen herum. 70 Meilen landeinwärts schneit es schon. Kitkat gibt es hier übrigens im 4er Pack, nicht nur mit 2 Stäbchen wie in Good Old Germany.
Email weist uns an, am Village Office einen Turkey Basket abzuholen – schon letzte Woche hatte ich einen seltsamen Anruf, der mir erklärte, man wolle ein Paket abliefern, aber da der Anrufer mir nicht erläutern konnte, weshalb ich auf der Liste stünde, mir das Wort Volunteering zu oft fiel und ich eh keinen Truthahn esse, hatte ich mich von der Liste streichen lassen. Jetzt waren wir wieder auf der Liste und Andor erhielt eine riesengroße braune Papiertüte mit ganzem Truthahn und den kompletten Zutaten für das Thanksgiving-Essen inklusive 2 Packungen Fertig-Stuffing, Dosen-Cranberry-Sauce, Süß- und Idaho-Kartoffeln, Orangen, etc. Die Berkeley Polizei verschenkt jedes Jahr Pakete zusammen mit dem Wohltätigkeitsverein Berkeley Boosters der UC Berkeley an „families in need“. Warum wir dazu gehören, ist mir noch immer nicht klar, aber vielleicht hat das International Office uns Neuankömmlingen eine Freude bereiten wollen.
Am Mittwoch beziehe ich das kleine Büro zusammen mit Laura, einer italienischen Doktorandin, die sich mit Blechumformung beschäftigt. Wir versuchen vergeblich die Standardliteratur zur Nachhaltigkeit zu erfragen, aber das Thema scheint zu komplex für Standardansätze zu sein. Die Gruppensitzung startet mit einem Mittagessen – Prof. D. meint, dass in der Vergangenheit nur so alle Studenten und Doktoranden Zeit für eine Besprechung hätten. Heute ist es etwas informeller, da viele Kollegen schon zu Thanksgiving verreist sind.
Für das kommende Frühjahrssemester steht übrigens an, dass ein Raum direkt vor dem Großraumbüro frei wird und mir (und der Italienerin?) zur Verfügung gestellt wird. Prof. D. plant, dass ich die Leitung und Aufsicht verschiedener Projekte führen soll und die Studenten/Doktoranden mitbetreue.
Am Donnerstag ist Thanksgiving, einer der wichtigsten amerikanischen Feiertage und nicht mit unserem Erntedankfest zu vergleichen. Traditionellerweise kommen die Familienmitglieder aus dem ganzen Land zusammen und feiern mit einem überall gleichen Festmahl – Truthahn mit Stuffing, Grüner Bohnenauflauf, pumpkin pie (Kürbiskuchen), Brötchen, mashed potatoes, cranberry sauce, Süßkartoffelauflauf. Wir sind zusammen mit einer kubanisch-chilenischen Familie bei Kendra, ihrem Mann Marc und dem 2jährigen Sohn Evan eingeladen – Sie freuen sich, nach ihrem 3jährigen Aufenthalt in Frankreich wieder traditionell in Amerika feiern zu können. Da sie Vegetarier sind, gibt es allerdings keinen Truthahn. Unserer bleibt auch noch so lange in der Tiefkühltruhe, bis Besuch aus Deutschland da ist, der Andor beim Fleischessen unterstützt.
Mit Reibekuchen (als traditionellem deutschen Gericht :-) ), selbstgebackenem Olivenbrot und den Kinderhochstühlen geht es um 6.30 p.m. zu Kendra, die in einer Gated Community an der Marina Bay lebt. Wir parken vor dem Tor und werden nach einem Anruf hereingelassen. Tina, die wir auch vom Montagstreffen in Point Richmond kennen, ist auch mit ihren drei Söhnen da.
Das Abendessen ist klasse – die Kleinkinder Kira, Evan, Joaquim und Brandon spielen ausgelassen. Nur Kim hat wie in der letzten Nacht Fieberschübe und döst auf der Couch. Wir folgen einem amerikanischen Brauch und erzählen reihum, wofür wir dankbar sind. Kendra und Marc freuen sich, dass der Amerikaaufenthalt sowohl mein Traum als auch der des Kubaners ist. Wir würdigen auch nochmal die Unterstützung unserer mitreisenden Ehepartner, die vieles aufgegeben haben um mit uns zu ziehen.
Schön ist, dass Kendra und Marc im Gegenzug Frankreich/Europa erlebt haben und wir diskutieren über kulturelle Unterschiede. Andor gesteht, dass er nicht immer weiß, wie er mit der amerikanischen Freundlichkeit umgehen soll – ihm scheint oft so, als wolle man ihm etwas verkaufen.
Den Freitag verbringe ich zuhause. Mit Kira genieße ich den kühlen, aber sonnigen Morgen im Hinterhof – Kim will nach einer weiteren unruhigen Nacht mit Fieber weiter schlafen. Als ich um 12 Uhr in unserem Postfach am Wäschehäuschen nachschaue, lag zwischen der üblichen Werbung von Bed, Bath & Beyond, Trader’s Joe und verschiedenen Banken eine „Sorry, we’ve missed you“-Mitteilung der Post vom gleichen Morgen für die Zustellung von drei langersehnten Paketen aus Barmen. Wie der Postbote geschafft hat, trotz Klopfen oder Klingeln von Andor ungehört zu bleiben und weiterhin ungesehen von mir ans Postfach zu kommen, ist mir unklar. Leicht verärgert telefoniere ich mich von USPS zum Albany Post Office und weiter zum Zusteller-Management, wo man mir nur eine Wiederzustellung anbieten will und nur ganz eventuell eine Zustellung am selben Tag. Selbst das klappt auch nicht und so bin ich nur wieder meine teuren Prepaid-Minuten losgeworden.
Heute trauen wir uns nicht in die Geschäfte. Es ist der Black Friday, der amerikanische Winterschlussverkauf. Angeblich kamen manche Geschäfte früher erst an diesem Tag in die Schwarzen Zahlen. Schon seit gestern schaut sich Andor im Fernsehen an, wie Leute vor den Läden kampieren und die Geschäfte auf den Ansturm vorbereitet werden
Abends bemalen Kira, Kim und ich ein paar Leinwände mit Kiras „Papa-Männchen“, Kimmies Wasserfarbstrichen und einem Feuerwehrauto. Die 50 Sterne der Amerika-Flagge für das Küchenbild nehmen meine ganze Zeit in Anspruch.
Am Samstag Morgen nach einer weiteren unruhigen Nacht, in der Kim alle 30 min wach wurde, ungewöhnlich quengelig war und noch immer Durchfall hat, will ich doch morgens den Notfalldienst der von Kendra empfohlenen Kinderarztpraxis nutzen. Telefonisch gerate ich immer wieder in eine Warteschleife mit verschiedenen seltsamen Optionen, so dass ich um 9.15 Uhr direkt mit Kim zur Praxis fahre. „Walk-Ins“ sind leider nicht willkommen bzw. ich muss mir einen Termin geben lassen – 12.15 Uhr ist der nächste Termin. Gerne nehme ich an und fahre mit Kim zurück.
Andor kann dann um 11 Uhr unsere Pakete bei der Post an der Solano Ave abholen. Er muss nach 15 min Warteschlange leider nochmal zurück, um meine Unterschrift auf dem Redelivery-Schein abzuholen. Leider sind erstmal drei für die Kinder „langweilige Pakete“ mit Küchenkram, DVDs, Player und Büchern angekommen. Das Spielzeug muss noch kommen. Statt dem langerhofften Teestövchen habe ich anscheinend nur den Serviettenhalter aus Metall eingepackt. Während Andor und Kira auspacken, fahren Kim und ich wieder zum Arzt.
Kim wird gewogen -sie wiegt 18 lbs. Die Ärztin ist sehr nett, kann aber nur feststellen, dass der langanhaltende Durchfall mit plötzlichem Fieber wahrscheinlich von zwei verschiedenen Viren hervorgerufen wird. Sie macht einen Abstrich in Kims gerötetem Rachen, der im Schnelltest keinen Streptokokkenbefall zeigt. Da Kim ansonsten gut isst und trinkt und phasenweise sehr munter ist, gibt die Ärztin mir nur probiotische Pulverproben zur Unterstützung der Darmflora. In Deutschland kenne man probiotische Bakterien ja. Wir klären noch Kims ausstehende Impfungen ab – die Impfpläne sind hier etwas anders und zusätzlich wird Hepatitis A geimpft (angeblich in Kalifornien wegen des aus Mexiko importierten Essens).
Der Sonntag vergeht dann auch schnell mit Leinwandmalerei, Spielplatz und Star Wars Marathon im Fernsehen (alle Star Wars Filme hintereinander, inklusive The Clone Wars zum 5. Mal in der letzten Woche). Andor kauft im Ikea noch ein Billy-Regal fürs dritte Zimmer, eine Kinderlampe, für mich eine Nachtischlampe (auch wenn die erstmal auf einem Pamperskarton steht), ein weiches Pillowtop für die Matratze und für das Sofa und einen Stuhl. Abends finde ich wieder eine „Sorry, we’ve missed you“-Karte im Postfach – am Samstag waren wir angeblich für die Zustellung dreier weiterer Pakete nicht erreichbar. Kim geht es besser, aber sie ist noch immer weinerlich - nach einer Viertelstunde wird ihr auch der Spielplatz zu viel, sie wirft sich auf den Boden, weint bitterlich und will nach Hause. Kira muss noch weiter toben und ich werde trotz meines Buchs von Zak in ein Gespräch verwickelt, der irgendwie ein Mann in Frauenkleidern zu sein scheint.
Abends fahre ich zum Dress for Less – einem Urban-Verschnitt mit Calvin-Klein-Kostümen, Textilien und Küchenkram. Ich brauche einen Mug und Kuscheldecken. Ich finde sogar wieder die braunen Kissen mit dem Paisley-Muster, die so toll zum Sofa passen, und dann zur Krönung auch noch den passenden Snuggie, eine Decke mit Loch für den Kopf. Ich wühle mich durch die Bettwäsche, finde aber kein einzelnes Laken für ein Queen Size Bett. Es gibt hier nur Sets – da haben wir uns natürlich ins Bein geschossen, als wir ein Queen Bett mit zwei Full Size Bettdecken statt einer Queen Decke versehen haben. Die Comfort Betten Sets faszinieren mich. Das sind Überdecken, Laken, Bettdecken und Kissenbezüge für die Zweit- und Drittkissen, die das Bett so schön kitschig amerikanisch machen. Ich sehe jedoch erstmal von einem Kauf ab und will zurück zu meinem Einkaufswagen. Der ist aber beim besten Willen nicht zu finden. Ich hänge noch ein wenig im Laden ab, beäuge die Schlange an der Kasse und die anderen vereinsamten Rückläufer-Wagen. Tja, so ist mir zum ersten Mal ein Wagen mit Inhalt gestohlen worden – ohne Euro und weil ich einen so tollen Geschmack habe. Da kann auch der Kaufhauspolizist am Ausgang, dem ich von meinem Leid erzähle, nur mit den Schultern zucken.
Am Montag ist der Cyber Monday, an dem im Internet Schnäppchen angeboten werden. Für mich allerdings ein weiterer erfolgreicher Arbeitstag, an dem ich eine Veröffentlichung hochladen kann, in Ruhe diverse Mails abarbeite, an einer weiteren Publikation schreibe und mit Prof. D.‘s Assistentin Kathy über die Organisation einer Konferenz im Mai 2012 in Berkeley spreche, die mir übertragen wurde.
Andor ist morgens wieder bei der Spielgruppe und kann danach die Pakete bei der Post abholen. Zuhause erwischt er sogar gerade noch den Postboten und kann ein weiteres Paket entgegennehmen. Kira und Kim erfreuen sich an all dem Spielzeug. Der Zoll muss wohl den Karton geöffnet und meinen riesigen Duplo-Klotz auseinandergenommen haben. Zumindest ist der Karton total ausgebeult, hundertmal mit Band umwickelt und beim Öffnen fliegen alle Steine und Little People durcheinander. Langsam füllen sich die Billy-Regale und auch das 3. Schlafzimmer ist nicht mehr so leer. Ein Paket mit Spielzeug sollte dennoch unterwegs sein.
Was sind denn das für Postboten,die sich an den Briefkästen unerkannt vorbei schleichen?
AntwortenLöschenThanksgiving scheint mir ein interessantes Fest zu sein.Fast wichtiger,als Weihnachten.
Hoffe,dass Kim bald wieder gesund ist und mittoben kann.
Na da habt Ihr doch noch schönes Wetter, hier liegen 10cm Schnee bei -5°C. Es gab massig Verkehrsprobleme. In Chemnitz liegen 30cm Schnee bei -12°C und scharfen Ostwind. Wir gehen nur kurz einkaufen und machen keine Schnee-Touren.
AntwortenLöschenGruß Vater